Story

Toyama, Japan

Die Berge haben mich schon immer fasziniert. Da ich aus dem flachen Kopenhagen in Dänemark komme, habe ich stets versucht, in die Berge zu kommen. Als ich in Tokio, Japan gelebt haben, war das nicht anders. Tokio ist ein fantastischer, verwirrender Ort für Ausländer. Die Verhaltensregeln des japanischen Lebens sind ganz anders, wie alles, was ich kenne. In Japan fühlt man sich mit all den falschen Bewegungen und schlechten Manieren ständig wie ein Barbar.

Geschichte von Kasper Anker

Prolog: Leben in Tokio

Die Berge haben mich schon immer fasziniert. Da ich aus dem flachen Kopenhagen in Dänemark komme, habe ich stets versucht, in die Berge zu kommen. Als ich in Tokio, Japan gelebt haben, war das nicht anders. Tokio ist ein fantastischer, verwirrender Ort für Ausländer. Die Verhaltensregeln des japanischen Lebens sind ganz anders, wie alles, was ich kenne. In Japan fühlt man sich mit all den falschen Bewegungen und schlechten Manieren ständig wie ein Barbar. Es dauert einige Zeit, um die Sitten und den Respekt der japanischen Bräuche zu erlernen. Auf den ersten Blick mögen diese sehr zeitaufwändig und dumm erscheinen, aber sobald man versteht, wie das Miteinander hier funktioniert, und es 37 Millionen Menschen ermöglicht, zusammenzuleben, macht alles Sinn.

Schlangestehen ist ein Teil des täglichen Lebens in Tokio, Man steht Schlange, um in den Zug einzusteigen, man steht Schlange, um aus dem Zug auszusteigen, man steht Schlange, um zu frühstücken, man steht an, um zu Abend zu essen und man muss anstehen, um mit dem Zug nach Hause zu kommen. In Tokio steht man oft Schlange. So frustrierend das für jemanden sein kann, der aus einer „Kleinstadt“ kommt, es ist wirklich faszinierend zu sehen, wie sich die Massen lautlos durch die Stadt bewegen. Das Schweigen und der Anstand der Menschen machen es möglich, dass sich täglich 40 Millionen Menschen durch Tokio bewegen.

Früher habe ich die U-Bahn genommen, bis ich mir einen 1-Gang Fuji besorgt habe. Die Fahrt durch die engen Straßen mit ihren vielen Ampeln wurde rasch zur Gewohnheit. Ich pendelte täglich meine 11 km zur Universität und träume von den Bergketten in der Nähe von Tokio. An klaren Tagen ist der symmetrische Kegel, auch bekannt als der Fuji mit anderen kleinen Berggipfeln von Tokio aus zu sehen. Das ist ein spektakulärer Anblick und die Berge scheinen zum Greifen nah – auch wenn sie tatsächlich 40 Kilometer weit entfernt sind.

Die Fahrt von Tokio über die Flüsse oder den Onekan, der aus der Stadt heraus in die Berge führt, ist sehr anstrengend. Nicht wegen seiner Länge oder Härte, sondern wegen seines Verkehrs. 40 km sind mental nicht sehr weit, aber 40 km im Verkehr sind hart. Sobald man die Außenbezirke von Tokio erreicht, kann man den Fluss in seiner ganzen Schönheit erleben und man wird endlich für die Fahrt belohnt. Von hier an ist die Strecke wie ein endlose Spielplatz mit zahlreichen Gipfeln und Abfahrten, sehr zur Freunde der Beine. Für Radfahrer ist das das reinste Disneyland – Man sollte nur daran denken, dass man auf der Rückfahrt noch 40 km durch den Verkehr muss.

Als mein Freund Alex und ich die Gelegenheit hatten, in Toyama Rad zu fahren, konnten wir nicht ablehnen. Ich schaue mir gerne Karten an und plane Fahrten. Jeder Radfahrer tut das, oder etwa nicht? Als ich mir Toyama auf einer Karte angesehen hatte, war ich begeistert. Toyama liegt am Japanischen Meer und grenzt an die großen Nordjapanischen Alpen an. Toyama hat nur 1 Million Einwohner und ist im Vergleich zu Toki mit seinen 37 Millionen ein sehr entspannter Ort. Das 3000 Meter hohe Tateyama-Gebirge ist von Toyama aus leicht zu erreichen und ermöglicht den Ausblick über eine unglaubliche Landschaft. Als wir in Toyama ankamen, war es stockfinster und regnete – ein krasser Gegensatz zum neonlichthellen Tokio. Wenn man nachts irgendwo ankommt, kann man natürlich nichts sehen, und sich kein Bild von dem Ort machen. Kann man ihn sich nur vorstellen. Die Wettervorhersage der kommenden zwei Tage sah schrecklich aus. Wir hatten vereinbart, einfach nicht darüber zu sprechen.

Toyama-Tag 1: Tunnel und Rindos

Wir standen früh auf und es überraschte uns nicht, dass es in Strömen regnete. Ich brauche immer ungefähr 40 Minuten auf dem Rad, um loszulegen und in den richtigen Rhythmus zu kommen, aber wenn es so schüttet, schaffe ich das nicht. Dank des Adrenalins und der Entdeckerlust fand ich aber rasch den Einstieg.

Außerhalb von Toyama ist es überhaupt nicht mehr wie in Tokio. Nachdem wir drei, vier Ampeln überquert hatten, erreichten wir einen der vielen Flüsse, die die Berge hinunterfließen. Es hatte stark geregnet, so dass die Straßen voller Schutt und Wasser waren. Als wir den Flussstraßen in die Berge folgten, konnten wir richtig spüren, wie unfreundlich die Berge vor uns werden würden.

Die Fahrt durch die kleinen Dörfer, immer den Berg hinaus in höhere Lagen, kam mir wie aus einem Märchen vor. Kurvenreiche Straßen, Bärenwarnschilder und zahlreiche Tunnel – ganz zu schweigen von der heimtückischen Steilheit der Straßen. Ich habe gelernt, wie die Straßen hier in Japan gelegt sind. Meistens beginnen sie recht flach und werden dann rasch steiler. Von Zeit zu Zeit liegt der Anstieg sogar im zweistelligen Bereich. Anfangs fühlt sich alles ganz einfach an und man macht sich Hoffnungen, die dann aber zerstört werden, weil man zu schnell angefangen hat. Heute war es nicht anders. Der Regen verwandelte sich in Graupel und die Kälte wurde immer spürbarer. Die zahlreichen Tunnel auf der Strecke wurden zu einem Schutzraum. Wir wünschten, wir hätten länger in den Tunneln bleiben können.

Ich habe Japan und seine Berge immer als etwas wirklich Geheimnisvolles empfunden – als ob hier etwas verborgen wäre. Als ich während des Anstiegs in die Berge an die japanischen Mangas meiner Kindheit und den Hund Silverfang uns seine Bande dachte, die gegen den riesigen Bär Akakabuto kämpften, musste ich lachen. Ich bin schon viele gute Straßen in Europa und Asien gefahren, aber Japan ist doch etwas ganz Besonderes. Japan sieht nicht aus wie der das restliche Asien und ich weiß ehrlich gesagt, nicht, warum es eigentlich ein Teil von „Asien“ ist? Es fühlt sich nicht sehr asiatisch an – es fühlt sich einfach nur japanisch an.

Die Berge in Japan verfügen über viele kleine Waldwege. Einige davon sind asphaltiert und haben Tunnel und aufwendige Brücken. Auf Japanisch heißen diese „Rindo“ (japanisch für „Waldstraße“). Teilweise sind die Rindos durch Tore eingezäunt, so dass Autos nicht vorbeifahren können, aber es ist möglich, sie mit dem Fahrrad zu passieren. Die Rindos sind unberührte Natur und völlig ruhig und still, hier herrscht das Gefühl der Wildnis. Die Rindo-Straßen werden nicht regelmäßig ausgebessert und instandgehalten, so dass man oft schlechten Straßenbelag und Betonstücke vorfindet. Auf einer Rindo zu fahren ist immer spannend, besonders wenn man Carbonräder fährt. Das kann ich nicht gerade empfehlen.

Die Rindo, auf der wir an diesem Tag fuhren, sah auf der Karte sehr gut aus. Sie war jedoch voller Schutt und großer Baumstämme, die von den Bergen herabgestürzt waren. Ich blickte die Berghänge hinauf, ängstlich, dass etwas herunterkommen würde, aber ich sah nur Regen und dunkle Wolken. Wir stiegen weiter auf und umrundeten eine weitere Serpentine, als die Straße plötzlich zu Ende war. Wir sahen uns an und waren uns einig, dass dieser Weg ins Nichts führte. Wir waren vermutlich sogar etwas froh, dass es nicht weiterging. Jetzt stand uns jedoch der Abstieg bevor, was jedoch eine ganz neue Herausforderung darstellte. Wir schafften es wieder hinunter zu unseren Tunneln und lächelten uns an. Von hier ging es direkt hinunter nach Toyama, aber vorher legten wir noch einen Halt im örtlichen Onsen (einer heißen Quelle) ein. Onsens sind ein großer Teil der japanischen Kultur und des japanischen Lebens und sind besonders praktisch, wenn man wirklich kalt und nass ist. Den kalten Körper nach einem langen Tag im Sattel in das 40 Grad heiße, milchige Wasser zu tauchen, ist ein herrliches Gefühl. Wir sprachen über das heutige Unterfangen und waren uns einig, dass es morgen nur noch kälter werden würde.

Toyama-Tag 2: Windgepeitschte Küste und Tunnel

Wir schliefen in einem traditionellen japanischen Haus, das über keine Heizung verfügte. Wir schliefen auf Tatami auf dem Boden mit einem vollem Fleece-Set und drei Decken. Es war kalt bis auf die Knochen. Wir wussten nicht einmal, ob wir zu Graupel oder Schnee aufwachen würden. Wir wussten nur, dass es kalt werden würde.

Auf die Kälte des Hochlandes folgte heute die Küste und hügeliges Gelände. Die Bedingungen auf der Küstenstraße in Richtung des kleinen Fischerdorfes Himi waren äußerst harsch. Nur wenige Ausländer kommen nach Himi, obwohl Japaner hier gerne fischen gehen. Wellen und Regen hämmerten über die windgepeitschte Küste, was mich an meine Trainingsstrecke in Kopenhagen erinnerte. Ich fühlte mich wie zu Hause.

Auf dem Rückweg durch die kalten Berge über Zickzackstraßen mit einigen malerischen Serpentinen erreichten wir unseren Mittagstisch. Das Essen in Japan ist immer gut, egal wohin man geht. Nach etwas Tonkatsu (Schweinekotelett, Krautraspel, Reis- und Misosuppe) und etwas Kaffee ging es weiter und wir stiegen weiter auf, bis wir einen kleinen Tempel erreichten.

Tempel werden im japanischen Buddhismus als Kultstätten genutzt und praktisch jede Gemeinde besitzt einen oder mehrere Tempel. Die Tempel sind eine Element, das mich an den japanischen Bergen wirklich fasziniert.

Das Wetter wurde unbestreitbar immer schlimmer. Wir hatten noch einen letzten Aufstieg vor uns. Der Berg Futakami hat einen wunderschönen Aufstieg mit vielen bambusbedeckten Serpentinen. Der Aufstieg selbst ist nicht sonderlich schwierig, aber durch das schlechte Wetter wurde er anstrengender als gedacht. An der Küste war es nur der Regen, aber hier in der Höhe hatten wir es mit starkem Schnee zu tun. Wir hatten uns vermutlich etwas zu viel vorgenommen, als wir den Aufstieg auf unseren 25 mm-Reifen fortsetzten, während die Straße mit klobigen Eis- und Graupelstücken bedeckt war. Wir fuhren nebeneinander in den von einem Auto zurückgelassenen Reifenspuren. Wenn wir aufstanden, verloren wir die Traktion des Hinterrads und mussten uns wieder hinsetzen. In einigen Serpentinen schützten uns die Bambusbäume vor den böigen Winden und dienten als Dach für den Schnee. Endlich kamen wir zufrieden oben an, aber nun erwartete uns die Abfahrt. Wir wussten beide, dass das kein Spaß werden würde. Am Vortag haben wir auf den Rindos gelernt, wie viel Konzentration bei der Abfahrt auf den schlecht befestigten Straßen erforderlich ist. Ich glaube, am Ende hatte ich fast keine Bremsbeläge mehr, aber wir haben es geschafft. Vor Kälte bibbernd, völlig durchnässt aber glücklich. Wir fuhren das letzte Stück zurück nach Toyama und hatten irgendwie gelernt, dieses verrückte Wetter zu genießen.

Nachwort: Zurück in Tokio

Ich sage mir immer, das die Fahrten in Japan etwas ganz besonderes und mysteriöses sind, und vielleicht stimmt das auch. Für mich werden die Berge immer geheimnisvoll und verführerisch sein – und vielleicht gerade hier in Japan, weil es so weit von dem entfernt ist, was ich gewohnt bin. Ein Ausländer in Japan zu sein ist nicht gerade einfach, aber durch die Bergen zu fahren, wo es keine Regeln oder kulturelle Etikette gibt, ist ein befreiendes Erlebnis. Die Berge sind für alle gleich. Hier kämpft man sich gemeinsam zum Gipfel. Die Radsportkultur in Japan ist viel friedlicher als das, was ich in Kopenhagen gewohnt bin. Man grüßt und verneigt sich höflich voreinander, und zollt sich als Radfahrer Respekt. Das ist es! Die kompetitivere Atmosphäre, die ich aus Kopenhagen kenne, gibt es hier nicht. Vielleicht, weil Gelände und die Berge bereits ausreichend aggressiv sind? Die meisten Japaner sprechen kein Englisch – entweder weil sie es nicht können oder weil Sie Angst haben, dass sie über eine schlechte Aussprache verfügen. Aber sie versuchen es wenigstens.

Die Radsportkultur ist sehr gastfreundlich und die einheimischen Fahrer halten Ausländer für Exoten. Da ich aus dem flachen Dänemark komme, fühle ich mich überhaupt nicht exotisch, aber vermutlich wird sich diese Situation nie ändern. Das Unbekannte kommt einem immer mysteriös vor. Und so wie ich die japanischen Berge für mysteriös halte, halten die japanischen Radfahrer Dänemark für einen exotischen Ort.

Für mich wird das Radfahren in Japan immer etwas Besonderes sein. Seit ich hier bin, habe ich mir die japanische Etikette des Lebens angeeignet und erlebe das Radfahren fast als eine Art Heiligung. Die verführerischen Berge außerhalb Tokios endlosen Straßen stellen für mich immer eine Motivation dar, und wecken in mir den Wunsch, sie mit dem Rad zu bezwingen.

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